X

Inhalt

Claire und Laura sind beste Freundinnen seit Kindertagen. Doch ihre Freundschaft findet ein jähes Ende, als Laura überraschend stirbt. Sie hinterlässt ein Baby und ihren Ehemann David. Als Claire den Witwer unangemeldet besucht, erwischt sie ihn in Lauras Kleidern – dem Baby die Flasche gebend. Anfangs verstört von der Verwandlung findet Claire in David schon bald eine neue Freundin.

Wie kein zweiter Regisseur vermag es François Ozon (»Jung & Schön«, »8 Frauen«), Frauenfiguren einfühlsam und glaubhaft zu inszenieren und seine eigene Homosexualität in die Filmstoffe einfließen zu lassen. In seinem neuen Meisterwerk erzählt er von einer ungewöhnlichen Frauenfreundschaft, bei der Frauen nicht zwingend weiblich sein müssen. Romain Duris (»So ist Paris«, »L’auberge espagnole«) brilliert als neue Freundin und demonstriert überaus einnehmend seine feminine Seite. Dabei bezirzt Anaïs Demoustier (»Das bessere Leben«, »Der Schnee am Kilimandscharo«) Duris und das Publikum gleichermaßen als ziemlich beste Freundin.


Interview mit François Ozon


Woher stammt die Idee für »Eine neue Freundin«?

Der Film basiert lose auf der Kurzgeschichte »The New Girlfriend« von Ruth Rendell, einer Geschichte von 15 Seiten im Stil der Fernsehserie »Alfred Hitchcock Presents«: Eine Frau entdeckt, dass der Mann ihrer Freundin heimlich Frauenkleider trägt. Er wird zu ihrer „neuen Freundin“. Als er ihr jedoch seine Liebe gesteht und versucht, mit ihr zu schlafen, tötet sie ihn. Ich las diese Kurzgeschichte vor über 20 Jahren und hab zuerst ein sehr originalgetreues Drehbuch für einen Kurzfilm daraus gemacht. Doch leider fand ich damals weder eine Finanzierung noch die passende Besetzung, also habe ich das Projekt fallen gelassen.
Ich habe danach noch oft an diese Geschichte gedacht. Sie verfolgte mich. Mir wurde bewusst, dass alle großen Filme über Transvestitismus, die mir gefielen, diejenigen waren, bei denen die Figuren sich nicht aus einem inneren Drang heraus, sondern aufgrund von äußeren Faktoren verkleiden: Musiker, die sich auf der Flucht vor der Mafia als Frauen verkleiden in »Manche mögen’s heiß«, ein arbeitsloser Schauspieler, der zur SchauspielerIN wird, um eine Rolle zu bekommen in »Tootsie« oder eine andere mittellose Schauspielerin in »Victor/Victoria«. Solche äußeren Umstände erlauben es dem Zuschauer, sich mit der Figur zu identifizieren und mit dem Transvestitismus zu spielen, ohne sich schuldig oder schlecht zu fühlen.


Kommt daher die Idee des Todes der Ehefrau, um dem Zuschauer zu erlauben, sich trotzdem mit David/Virginia zu identifizieren?

Dieses Ereignis, das ja in der Vorlage nicht existiert, lässt sowohl den Zuschauer als auch Claire Davids Verhalten verstehen und schließlich akzeptieren. Deshalb ist auch die Szene so wichtig, in der David das Baby mithilfe des Geruchs von Lauras Bluse beruhigt. Ich hatte diese Idee dank einer Unterhaltung mit Chantal Poupaud, die den Dokumentarfilm »Crossdresser« gemacht hat. Der Film handelt von heterosexuellen Männer, die sich als Frauen verkleiden und dabei geradezu besessen sind vom Ritual der Verwandlung: sich rasieren, sich schminken, Feinstrümpfe anziehen et cetera. Chantal kennt dieses Milieu sehr gut, deshalb habe ich sie gebeten, mir alles darüber zu erzählen. Sie berichtete mir von einem Transvestiten, dessen Ehefrau an einer schweren Krankheit starb. Um sie „wiederzubeleben“, begann er, ihre Kleider zu tragen und verkleidete sich schließlich regelmäßig. Das hat mich sehr bewegt. Und ich hatte endlich die Lösung für die Umsetzung meines Skripts!


Wenn man lacht, dann nicht über David/Virginia, sondern weil sein Spaß am Verkleiden so ansteckend ist – besonders während der Shopping-Szene …

Ja, die Komik entspringt dem Vergnügen der Figur. David ist nach ungefähr der Hälfte des Films auf einem unschuldigen Höhepunkt. Er hat sein Verlangen akzeptiert und seine Identität gefunden: Er will Virginia sein. Er war es, der zuerst vorgeschlagen hat, dass Claire Gilles die Wahrheit sagt. Claire ist vor allem verstört, sie stellt sich viele Fragen, geht einen Schritt vor und zwei zurück. Paradoxerweise ist sie die Figur, die am meisten leidet und am neurotischsten ist. Zuerst ist sie geschockt, wirft David vor, er sei krank, pervers. Dann arbeitet sie an sich, versucht, mit der Situation umzugehen und schließlich akzeptiert sie voll und ganz Davids Wunsch und auch ihr eigenes Verlangen nach Virginia.


Wie sind Sie darauf gekommen, Romain Duris für diese Rolle auszuwählen?

Ich habe mir mehrere Schauspieler angesehen und mit ihnen Make-up- und Perücken-Tests gemacht, um zu schauen, wie sie als Frauen aussehen, ob es funktioniert. Romain hat sich schließlich durchgesetzt – nicht, weil er die schönste Frau war, sondern weil er so viel Spaß daran hatte, sich in eine zu verwandeln. Es bereitete ihm ganz offensichtlich Vergnügen, die Beine in Feinstrümpfe zu schmiegen, in Kleider zu schlüpfen – ganz ohne Ironie und Distanz. Bereits in »17 Fois Cécile Cassard« von Christophe Honoré fiel mir seine anmutige und spielerische Interpretation des Liedes »Lola« von Jacques Demy auf. Und sein Wunsch, David/Virginia zu spielen, war so groß, dass mir die Wahl schließlich nicht schwer fiel.


Wie habt ihr am Äußeren der Figur gearbeitet?

Zuerst gab es eine Menge Make-up- und Frisuren-Tests. Dann habe ich ihn gebeten abzunehmen – wie alle meine Schauspielerinnen! Es war wichtig, dass er sich mit seiner Silhouette wohl fühlte. Sehr schnell fragte er unsere Kostümbildnerin Pascaline Chavanne nach High Heels und arbeitete an seinem Gang. Wir mussten Romain feminisieren ohne seine Maskulinität zu verdecken, die Weiblichkeit ganz genau dosieren. So sieht man zum Beispiel manchmal bei Virginia den Bartansatz. In anderen Szenen musste er hingegen ganz besonders hübsch aussehen. Am Anfang hat Virginia den Dreh noch nicht raus, wirkt sehr angestrengt und übertreibt. Wie viele Transvestiten, die ich kennengelernt habe, die zuerst die Kleidung ihrer Ehefrauen oder Mütter trugen, musste sich Virginia erst mal finden und einen eigenen Stil entwickeln. Nach und nach findet sie die richtige Kleidung für sich. Am Ende des Films trägt sie Hose und Jacke, lässt die blonde Mähne hinter sich zugunsten ihrer eigenen Haarfarbe. Sie hat es nicht mehr nötig, ihre Weiblichkeit mit Accessoires überzubetonen. Sie hat ihren Stil gefunden!



Interview mit Romain Duris


Wie kamen Sie zu dem Projekt »Eine neue Freundin«?

François Ozon rief mich an und sagte, er wolle mit mir über eine Rolle sprechen: „Ich glaube, das könnte dir gefallen. Ich hab gehört, dass du gern mal eine Frau spielen möchtest.“ Und das stimmte. Mein Wunsch rührte wahrscheinlich aus meiner Kindheit, als meine große Schwester mich zum Abendessen mit der Familie oder bei Freunden als Mädchen verkleidete. Ich war ihre Puppe und mochte es. Vielleicht entwickelte sich schon damals mein Talent als Schauspieler!


Was hat Ihnen an der Geschichte gefallen?

Ich mochte sehr, dass Davids Verwandlung in eine Frau einem Verlust entspringt, aus der Perspektive von Claire beobachtet und begleitet wird – ja eigentlich ermöglicht wird von einer Freundschaft, aus der sich Liebe entwickelt. Davids Verwandlung in Virginia kommt mit einer Tiefe und Bescheidenheit, es ist nicht einfach nur ein Scherz oder die Performance eines Schauspielers. Ich liebe den Moment, als David Claire ganz ehrlich sagt, dass er sich verkleidet, weil dies sein Weg ist, den mütterlichen Verlust seiner Tochter auszugleichen. Sein Wunsch, sich zu verkleiden ist überwältigend und im Einklang mit seinem ganzen Wesen, er reagiert auf einen großherzigen und menschlichen inneren Drang.


Und auch wenn seine Motivation später persönlicher wird, lebt er seine Lust mit einer großen Reinheit und Unschuld aus.

Ja. Auch wenn Claire ihm vorwirft, er würde sich nur zu seinem eigenen Vergnügen verkleiden, habe ich versucht, ihn so ernsthaft und aufrichtig wie möglich erscheinen zu lassen. Er sollte etwas von Grund auf ehrliches, menschliches haben. Ich wollte die Figur nicht einschließen in so eine spezielle Problematik. Ich wollte, dass der Film viele Leute anspricht, Türen öffnet, Fragen stellt nach dem Großen und Ganzen. Ja, man kann sich menschlich dem anderen Geschlecht zugehörig fühlen und das ist überhaupt kein Problem. In der Szene, in der David zugibt, dass es ihm gefiel, seine tote Frau anzukleiden, hätte der morbide Aspekt Überhand nehmen können. Aber ich war an einem Punkt angekommen, an dem ich Virginia mit einer großen Unmittelbarkeit und Stärke in mir spürte. Ich hielt es nicht für notwendig, zu rechtfertigen, dass der Transvestitismus in erster Linie für sie ein Ort der Freiheit und des Vergnügens war.


Wie haben Sie sich auf die Rolle vorbereitet?

François hat mir nahegelegt, »Crossdresser« von Chantal Poupaud und »Bambi« von Sébastien Lifshitz anzuschauen. Diese vollkommen akzeptierte Transsexualität ist sehr bewegend. Weiblichkeit steht hier nicht nur für Sexualität. Sie geht viel weiter, ins Innere. Das hat mich sehr inspiriert. Ich hatte zuerst keine Lust, Transvestiten zu treffen. Aber kurz vor Drehbeginn habe ich einen auf der Straße getroffen und ich war sehr glücklich. Sie hatte tolle Beine, sie hätte wirklich eine Virginia sein können in ihrer befreiten Art, Frau zu sein!


Und wie haben Sie sich physisch vorbereitet?

Mit der Trainerin und Choreographin Chris Gandois habe ich an meinem Gang gearbeitet und daran, wie ich meinen Körper einzusetzen habe. Das tat ich, ohne François davon zu berichten. Ich dachte, das könne ihm vielleicht nicht passen, denn er wollte David bei seiner Verwandlung in Virginia ungeschickt sehen. Aber ich brauchte eine gewisse Gewandtheit, um mich wohl zu fühlen. Außerdem haben wir den Film nicht in chronologischer Reihenfolge abgedreht. Wie hätte ich es anstellen sollen, nach nur fünf Tagen Dreh ganz natürlich eine Frau zu spielen in einer Szene, die am Ende des Films steht?! Also habe ich gelernt, mit hohen Absätzen zu laufen, die Beine übereinander zu schlagen und so weiter. Ich wusste, dass ich – wenn ich die richtigen Gesten von Virginia gefunden hatte, ohne sie überzubetonen – die Figur und ihre Weiblichkeit fühlen und mit ihrer Stimme sprechen könnte. In einer Sache war ich mir mit François einig. Wir wollten uns nicht über Virginia lustig machen. Das Lachen sollte nicht aus dem Geschlechterwechsel entstehen, sondern aus den Situationen, wie zum Beispiel als David sich vor seiner Schwiegermutter verstecken muss, weil er Lippenstift trägt, und deshalb vorgibt, sich übergeben zu müssen.


Wie würden Sie François Ozons Arbeitsweise beschreiben?

Vor allem ist er ungeduldig! Aber ich finde, dass diese Dringlichkeit, die damit einhergeht, sehr gut zum Kino passt. Sie gibt eine Dynamik, verhindert tausende Fragen, die man sich noch stellen könnte, erlaubt, schnell voranzukommen, sich nicht zu verfahren. Ich glaube, es liegt daran, dass er sich selbst einen klaren Zeitrahmen setzt. Kaum hat er eine Szene beendet, geht er schon zur nächsten über! Für die Schauspieler ist das toll, sie müssen nicht warten. Aber für die Techniker ist es sehr stressig. Es ist das erste Mal, dass ich mit einem Regisseur zusammenarbeitete, der sich selbst so unter Druck setzt. Ich mochte es sehr. Ich war auch überrascht, wie François Dinge manchmal einfach geschehen ließ, und beruhigt, als ich sah, wie er bei anderen Dingen wiederum ganz präzise eingriff. Er ist sehr wachsam und spürt genau, wann in einer Szene das Gefühl, die Magie stimmt.



Interview mit Anaïs Demoustier


Wie war das erste Treffen mit François Ozon?

Beim ersten Treffen war François ziemlich skeptisch. Er stellte viele Fragen über Claires Charakter und ihr Alter. Ich machte Probeaufnahmen mit der Casting-Direktorin, die nicht sehr überzeugend waren! Zum Glück haben wir danach noch Aufnahmen mit Romain gemacht, die richtig gut waren. Es ist ja ein Film, der sich zwischen zwei Menschen entwickelt, da war es sehr wichtig, dass die Chemie stimmt.


Ihre Figur befindet sich in der Position des Beobachters, verändert sich aber ebenfalls nach und nach, und erfährt letztendlich dieselbe ausgelassene Freude wie Virginia.

Ja, Claire erlebt ebenso starke Veränderungen, aber im Gegensatz zu Virginia eher im Inneren. Claire ist ein erstaunlicher Charakter. Anfangs hält man sie für schüchtern, mit einem geordneten Leben, aber eigentlich ist sie eine sehr starke Persönlichkeit mit einer großen Lust am Leben. Ihre Weiblichkeit ist im Inneren verborgen und wartet nur darauf, auszubrechen. Sie hat bei ihrem Mann nicht oft Gelegenheit, ihre Weiblichkeit zu zelebrieren, aber Dank Virginia entfaltet sich ihre Sinnlichkeit. Sie spielt ihr Spiel mit und genießt es, ihre Komplizin zu sein, genießt die Spannung und Freiheit, die durch das Verkleiden entstehen. Außerdem ist es Claire, die Virginia sehr schnell dirigiert und instrumentalisiert. David wird ein bisschen ihre Puppe, sie gewinnt Macht über ihn – vor allem weil sie die einzige ist, die sein Geheimnis kennt. Und als sie erfährt, dass er zu einer Psychologin geht, ist sie verletzt, weil sie nicht mehr die Einzige ist!


Neben dem Thema des Transvestitismus erzählt »Eine neue Freundin« vor allem auch eine Liebesgeschichte.

Ja, das stimmt. Es ist nicht so sehr die Geschichte eines Mannes, der sich als Frau verkleidet, sondern vielmehr die zweier Menschen, die versuchen, sich zu lieben, sich dem anderen zu öffnen – trotz aller Unterschiede und gesellschaftlichen Zwänge. Es ist kein militanter Film, aber ein Film über Menschen, die sich trauen, zu ihren tiefsten Wünschen zu stehen. Ich finde es sehr schön, einen Film zu machen, der sich die essentielle Frage stellt: „Lieben wir uns oder nicht? Haben wir das Recht, uns zu lieben?“. Am Anfang denkt man: „Unmöglich, diese beiden?“ Und dann nach einer Weile will man, dass sie zusammenkommen. Das ist der große Verdienst des Films.


Wie waren die Dreharbeiten?

Bei der Arbeit ist François wie ein Kind, in seinen Augen blitzen List und Schadenfreude. Ich dachte, dass er nach all den Filmen, die er schon gemacht hat, einem Automatismus verfallen würde. Aber nein, sein Enthusiasmus ist wirklich beeindruckend, als hätte er Heißhunger aufs Drehen! Er leitet sein Team sehr gut, und ruft die ganze Zeit „Los geht’s!“, obwohl noch niemand bereit ist! Man muss alles geben. Anfangs war ich von seiner Hetzerei ziemlich verwirrt und sogar etwas panisch. Ich dachte, wenn man so schnell dreht, hat man gar keine Zeit, gut zu spielen. Aber wenn man sich einfach in seinen energetischen Sog begibt, ist es toll! Er nimmt dich einfach mit, in einem berauschenden Tempo. Außerdem habe ich noch nie mit einem Regisseur gedreht, der mit einer solchen Präzision und Virtuosität die Szenen choreographiert. Jede einzelne Einstellung beinhaltete das, was ich im Drehbuch gelesen hatte.


Und wie war es, mit Romain Duris zu drehen?

Romain als Partner zu haben war großartig! Er war sehr engagiert, ermutigend, entgegenkommend und verständnisvoll mir gegenüber, denn ich habe ja viel weniger Erfahrung als er. Ich glaube, er hat schon immer von einer solchen Figur geträumt und sein Enthusiasmus war, genau wie der von François, sehr ansteckend. Für beide war es mehr als nur ein weiterer Film. Manchmal sah ich einfach nur Romain, den Schauspieler, den hübschen Kerl – und dann, plötzlich, sah ich eine Frau, mehr oder weniger schön, mehr oder weniger gut angezogen! Ich hatte den Eindruck, weder mit einem Mann, noch mit einer Frau zu spielen, sondern mit einer unmöglich zu kategorisierenden Person. Das war ziemlich seltsam, ich habe Claires Gefühlsschwankungen wirklich durchlebt.